Dear Restaurants, ihr müsst nicht alles verkaufen.

Mirjam Reinmiedl
October 11, 2025

Die gefährlichsten Worte in der Gastronomie:

„Das könnten wir auch noch machen.“

Es beginnt immer harmlos.

Jemand kommt aus dem Urlaub zurück und hat irgendwo ein Gericht gegessen, das „voll der Trend" ist. Jemand anderes hat einen TikTok-Clip gesehen. Der Lieferant empfiehlt ein neues Produkt, das „gerade wahnsinnig gut läuft". Und plötzlich sitzt das Team zusammen und diskutiert, ob man nicht auch noch…

Genau da fängt das Problem an.

Nicht mit einer schlechten Idee. Sondern mit zu vielen gleichzeitig, und ohne jemanden, der Nein sagt.

Viele Restaurants eröffnen heute keine Konzepte mehr. Sie eröffnen Kompromisse.

Aus Angst, irgendwen zu verlieren, landet plötzlich alles auf der Karte. Ein bisschen Brunch. Ein bisschen Fine Dining. Ein bisschen TikTok-Food. Ein bisschen „healthy". Ein bisschen „dirty". Und irgendwo dazwischen kämpft eine Trüffelpasta gemeinsam mit einem Crispy Chicken Burger um Identität.

Das Ergebnis? Restaurants, die sich anfühlen wie ein Flughafen-Terminal. Für alle okay. Für niemanden besonders. Und das Schlimmste daran: Der Gast spürt das. Er kann es vielleicht nicht benennen, aber er spürt, dass hier niemand wirklich eine Meinung hat.

Die ehrlichste Frage ist oft die unangenehmste.

Nicht: „Was könnten wir theoretisch auch noch anbieten?"

Sondern: „Wofür kommen Menschen eigentlich zu uns?"

Und dann, noch eine Ebene tiefer: „Was machen wir so gut, dass Menschen extra dafür wiederkommen? Dass sie darüber reden? Dass sie Fotos davon machen, nicht weil es aussieht wie alle anderen, sondern weil es sich anfühlt wie nur wir?"

Eine Speisekarte ist keine Selbsthilfegruppe für ungelöste Ideen. Sie ist ein Statement. Und wenn dieses Statement lautet „wir machen irgendwie alles ein bisschen", dann ist das auch eine Entscheidung. Nur leider eine sehr teure.

Was eine große Speisekarte wirklich kostet und warum die meisten das unterschätzen.

Operative Realität interessiert sich nicht für kreative Euphorie. Und hier wird es konkret.

Food Waste. Jedes zusätzliche Gericht braucht Zutaten, die vorrätig sein müssen. Auch an ruhigen Tagen. Auch wenn das Gericht selten bestellt wird. Ein Lokal mit 60 Positionen auf der Karte hat ein Lager, das permanent am Rande des Verderbens balanciert. Frische Kräuter für das eine Fischgericht, das dreimal pro Woche weggeht. Die spezielle Sauce für den Bowl, der nur mittags läuft. Und am Ende der Woche landet ein erschreckend großer Teil davon im Müll, und mit ihm bares Geld. Betriebe mit fokussierten Karten produzieren im Schnitt 30 bis 50 Prozent weniger Food Waste als vergleichbare Betriebe mit breitem Angebot. Das ist kein kleines Detail. Das ist Marge.

Inkonsistente Qualität. Ein Koch kann zwanzig Gerichte beherrschen. Er kann sie nicht alle täglich in gleichbleibender Perfektion ausführen, während gleichzeitig der Abend-Rush läuft, ein Mitarbeiter krank ist und drei Tische gleichzeitig abholen. Breite Karten erzeugen Druck, und Druck erzeugt Fehler. Das Gericht, das um 18 Uhr noch gut war, ist um 21 Uhr ein anderes. Gäste merken das. Sie kommen deshalb nicht unbedingt wieder.

Komplizierte Einschulungen. Jedes neue Gericht muss erklärt werden. Zutaten, Zubereitung, Allergene, Upselling-Argumente, Antworten auf Gästefragen. In einer Branche mit einer der höchsten Fluktuationsraten weltweit ist das kein Luxusproblem, sondern strukturelles Risiko. Wer jeden neuen Mitarbeiter drei Wochen lang durch eine 70-Positionen-Karte führen muss, hat schlicht weniger Zeit für das, was wirklich wichtig ist: Qualität, Gasterlebnis, Teamkultur.

Einkauf und Lagerkosten. Mehr Gerichte bedeuten mehr verschiedene Produkte, mehr Lieferanten, kleinere Abnahmemengen pro Produkt und damit schlechtere Konditionen. Ein Restaurant, das konsequent auf fünf Hauptzutaten setzt, kann mit denselben Lieferanten viel besser verhandeln, weil es von diesen Zutaten deutlich mehr abnimmt. Fokus schafft Verhandlungsmacht. Breite Karten zerstören sie.

Die Küche, die innerlich längst gekündigt hat. Das ist der Teil, über den niemand gerne spricht. Aber die Menschen, die täglich in diesen Küchen stehen, wissen genau, wann ein Konzept verloren gegangen ist. Wenn kein Gericht mehr wirklich Stolz auslöst. Wenn alles gleich wichtig ist und damit nichts mehr wirklich wichtig ist. Motivationsverlust in der Küche ist selten laut. Er ist leise, schleichend, und zeigt sich in sinkender Qualität, steigender Fluktuation und diesem diffusen Gefühl, dass das Team nicht mehr für etwas brennt.

Die stärksten Konzepte sind überraschend reduziert.

Das Restaurant mit der einen absurden Lasagne, für die Menschen wirklich einen Umweg machen. Der kleine Sandwich-Shop, der kompromisslos nur fünf Dinge macht, alle fünf besser als jeder andere in der Stadt. Der Laden mit den viel zu guten Pommes und diesem einen Dip, über den plötzlich halb Wien redet.

Das bleibt hängen.

Nicht weil diese Orte keine weiteren Ideen gehabt hätten. Sondern weil jemand verstanden hat, dass Weglassen eine Form von Mut ist. Und dass eine Marke erst dann wirklich stark wird, wenn sie aufhört, es allen recht machen zu wollen.

Der Begriff dafür ist nicht „Einschränkung". Der Begriff dafür ist Positionierung.

Fokus ist keine Bescheidenheit. Fokus ist Strategie.

Die meisten Gäste wollen keine 94 Optionen. Das klingt kontraintuitiv, aber die Forschung und jede ehrliche Beobachtung in erfolgreichen Betrieben zeigen dasselbe: Menschen lieben Klarheit. Sie lieben Orte, die eine Meinung haben. Die sagen: Das sind wir. Das machen wir. Dafür stehen wir.

Wer in ein Restaurant kommt und die Karte aufschlägt, stellt unbewusst eine sehr einfache Frage: Verstehe ich, warum es euch gibt?

Wenn die Antwort Ja ist, schnell, klar, überzeugend, dann ist das der Anfang von Loyalität.

Wenn die Antwort ein langes, unklares Vielleicht ist, dann ist das der Anfang von Mittelmaß.

Key Takeaways
  • Eine große Speisekarte ist selten ein Zeichen von Stärke. Meistens ist sie ein Zeichen fehlender Entscheidung.
  • Gäste erinnern sich nicht an Restaurants, die „eh alles haben“. Sie erinnern sich an Restaurants mit Charakter.
  • Fokus verbessert nicht nur das Branding, sondern auch Qualität, Abläufe, Lagerkosten und Konsistenz.
  • Gute Konzepte entstehen nicht durch mehr Ideen. Sondern durch besseres Weglassen.
  • Die stärksten Restaurants fühlen sich klar an. Nicht überladen.

Dear Restaurants, Fokus war noch nie so attraktiv.

Wenn ihr das Gefühl habt, euer Restaurant ist aktuell zu breit gedacht, operativ unnötig kompliziert oder verliert langsam seine klare Identität, dann wird es vielleicht Zeit, aus „Das könnten wir auch noch machen" wieder ein echtes Konzept zu machen.

Wir helfen euch dabei: von der Positionierung über die Kartenstruktur bis zur operativen Umsetzung. Konkret, ehrlich, ohne Umwege.

Meldet euch, wir freuen uns auf das Gespräch.